Otomo Yoshihide´s Far East Network @ HO's Supermarkt

20:30 Uhr. HO’s Supermarkt am Eigelstein. Exotism#3. Far East Network & Guests.

Durch Zufall habe ich von dem Konzert in HO‘s Supermarkt erfahren. Zwischen Hauptbahnhof und Eigelstein gelegen zählt der kleine und für die Zuhörer viel zu enge asiatische Laden nicht gerade zu den bekanntesten Konzertorten. Hier soll das Far East Network, bestehend aus Otomo Yoshihide, Yan Jun, Yuen Chee Wai und Ryu Hankil, ein Konzert mit Matthias Mainz und Alex Gunia als Gästen spielen. Es versteht sich von selbst, dass der Supermarkt nicht bestuhlt ist. als Konzertbesucher sucht man sich einen Platz irgendwo in den Gängen zwischen den Regalen. Sie sind voll mit bunten Lebensmitteln, deren genaue Verwendung sich mir in den wenigsten Fällen erschließt. Beim Erkunden des Ladens entdecke ich in den vier äußersten Ecken Verstärker und Stühle für die Musiker. Drei Gitarren und einen Synthesizer kann ich zwischen Tiefkühltruhen und knallbunt verpackten Lebensmitteln erkennen. In der Mitte des Marktes ist auf einer weiteren Kühltruhe ein kleiner Mixer und eine Art analoger Geräuschgenerator aufgebaut. Beleuchtet wird die Konstruktion von der Kühltruhe selbst.

Das Licht im Supermarkt geht aus. Und dann auch wieder an. Ob das so richtig wäre, ruft eine Frau aus dem Off. Es solle nur das Licht in der Mitte an bleiben, schreit es zurück. Es ist nicht ganz klar, ob das schon Teil der Aufführung ist. Bevor es allerdings wirklich still wird und auch bevor die Mitarbeiter des Supermarktes sich an einen adäquaten Ort bewegen können, erklingen erste Sinustöne, die vermuten lassen, dass es jetzt doch losgehen soll. Die Klänge sind noch recht leise und relativ harmlos. Es macht Spaß, ihnen durch Bewegung des Kopfes auszuweichen, sie so lauter und leiser zu hören. Bald mischen sich die Gitarren zu den etablierten Tönen. Durch eine Kette von Effektgeräten und externen Hilfsmitteln wie E-Bows gelingt es den Gitarristen sich der bereits vorhandenen Elektronik unterzuordnen und den Klang auf eine kaum spürbare Weise zu erweitern. Wie reich an Entwicklung diese, auf den ersten Blick uninteressanten, Klangteppiche sind, wird erst nach einer Weile deutlich. Ich erinnere mich an den Anfang und vergleiche ihn mit dem, was ich jetzt höre. Komisch, dass mir die wahnsinnige Entwicklung entgangen ist.

Kammermusikalisch – und somit offenbar auch im konkreten Moment spannend – beginnt das improvisierte Gebilde interessant zu werden, als der Keyboarder zur Trompete greift und die erst zischenden Luftgeräusche zu perkussiven Ausrufen umformt, auf die die anderen Musiker nun endlich aktiv reagieren können. So kommt nun auch der in der Mitte des Supermarktes auf der Fischtruhe abgelegte analoge Geräuschgenerator zum Einsatz, den man am Anfang schon begutachten konnte. In einem kleinen Holzkasten sind Sprungfedern und kleine metallische Konstruktionen angebracht, die durch Berührung bestimmte Klänge erzeugen. Mittels Klinkenkabel gelangen die Signale dann zu unterschiedlichen Stellen, wo sie live-elektronisch verarbeitet und aufbereitet werden. Entsprechende Klänge beginnen nun mehr und mehr, sich mit dem bereits vorhandenen Klangmaterial zu verzahnen und in einer Zusammenkunft aller scheinbaren Möglichkeiten erreicht der Abend einen ersten Höhepunkt. Das aufwendig errichtete Gebilde ebbt daraufhin ab, erweckt den Anschein, als würde es sich in einem zweiten Anlauf zu etwas noch viel Größerem ausweiten wollen, als plötzlich dumpfe Schläge der Musik ein metrisches Gerüst aufdrängen. So bekommt die Improvisation eine unerwartete Wendung, die in ihrer unvermittelten Konkretheit – zur Erleichterung der Anwesenden – nicht weiter ausgearbeitet wird und somit das Ganze hörbar Richtung Ende streben lässt.

Um die Sinusklänge aus der Anfangsszene kommt man aber leider auch am Ende nicht herum, denn diese sollen wohl eine Art äußeren Rahmen bilden. Ich versuche meine alte Position wiederzufinden, was mir, zum Leidwesen meiner Ohren, nicht gelingt. Als ich eine angenehme neue Position gefunden habe, springt der Ton eine völlig verstimmte kleine Sekunde höher. Als würde er zwanghaft versuchen in meinen Ohren zu bleiben, springt der Ton wieder nach unten sobald meine Schonhaltung aktualisiert ist. Gerade will ich aufgeben, da beginnt der Klangteppich leiser zu werden und ist verschwunden, bevor ich so richtig begreifen kann, was passiert ist und was genau diese minutenlangen Sinustöne für eine Funktion hatten.

GB

#Improvisation #Supermarkt #FarEastNetwork

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