Friedrich Schenkers Missa Nigra

20:30 Uhr. Deutschlandfunk Kammermusiksaal. Forum neuer Musik. Ensemble 20/21.

Auch dieses Jahr öffnete der Deutschlandfunk für das Forum neuer Musik seine Pforten. Um die gewählte Thematik Im Anthropozän wurden über drei Tage hinweg Konzerte, Vorträge, Lesungen und Diskussionen veranstaltet. Die Idee, den Menschen als Naturgewalt und somit die gegenwärtige Zeit als eigene geologische Epoche anzuerkennen, stand also im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

So eröffnete die 1978 von Friedrich Schenker komponierte Missa Nigra die musikalische Auseinandersetzung mit der Thematik am Freitag, dem ersten Konzertabend. Das Ensemble 20/21 spielte unter der Leitung von Prof. David Smeyers das etwa einstündige Werk. Für die Inszenierung, der durch ihre fast aufdringliche Beschaffenheit ein besonderer Stellenwert zukam, war Oliver Klöter verantwortlich. Bereits der Beginn des Konzerts wurde nicht sonderlich bescheiden in Szene gesetzt. Ein schwarzer Holzsarg wurde hier in den Kammermusiksaal des Deutschlandfunks geschoben. Es folgten die Musiker des Ensembles. Sie alle hatten bandagierte Köpfe. Blutflecken trieften durch die weißen Bandagen, manchmal lief das Blut über die Wangen der Künstler. Als alle an ihrem Platz waren, betraten zwei Statisten die Bühne, die, zum Empören mancher Gäste, den Sarg öffneten. David Smeyers lag in ihm. Die beiden Statisten halfen ihm heraus. Er rückte seinen Anzug zurecht und begann zu dirigieren. Die Leute neben mir, erst wie die meisten anderen schockiert, eher abgestoßen von dem Anblick des Sarges, begannen nun zu kichern, manche lachten gar. Sonst eher hart im Nehmen kam auch ich nicht umhin, der Situation eine bizarre Komik beizumessen. Aus den vorangegangenen Vorträgen des Forums neuer Musik lernten wir, dass viele szenische Aktionen von der Komposition vorgegeben sind und dass tatsächlich auch die blutüberströmten Musiker für Inszenierungen des Werkes nicht ungewöhnlich wären. Wozu genau der Sarg gebraucht wurde, verstand aber auch nach dem Konzert niemand so richtig. Das Werk an sich wirkte an vielen Stellen dadaistisch und völlig überspitzt, fast ins banale abdriftend. Die weitere Inszenierung untermalte diesen Effekt. Eine Holzbombe wurde herumgereicht, der Sprecher hielt entweder Gewehre oder Kim Jong-un Masken in der Hand und trug mit Militärorden versehene Uniformen. Manchmal bekam er von den Statisten Geld in die Taschen gesteckt. Wurden die Statisten nicht gebraucht, waren sie entweder hinter der Bühne oder sie saßen am Bühnenrand und lasen den Wirtschaftsteil einer Zeitung. Ab und an tauschten auch sie Geldbündel untereinander aus, die sie ihren schwarzen Aktenkoffern entnahmen.

Ob diese oberflächliche Inszenierung nötig war, sei dahingestellt. Der Musik half sie sicherlich nicht, denn sie wirkte auch für sich schon plakativ und eingängig genug. Sehr deutlich waren die offensichtlichen Schreie der Oboe und sehr deutlich waren auch die dadaistischen Verzerrungen altbekannter Werke wie etwa dem Requiem Mozarts – um nur einige Beispiele zu nennen. Profanisierende Umdeutungen machen etwa aus In Favilla das klangähnliche aber doch in der Bedeutung völlig anders zu verstehende Kinderkiller. Dass es um die Neutronenbombe als Machtinstrument geht, vermittelt das Werk ebenfalls recht ungestüm durch ein – an dieser Stelle aber tatsächlich sehr spannendes – fugenartiges Sprachgebilde, das die Musiker durch Silben wie bo...bo....bomba...ins Publikum schleudern.

Das alles wirkt heute musikalisch irgendwie platt, an vielen Stellen gar billig und kaum noch nachvollziehbar, eben einfach nicht zeitgemäß. An der Ästhetik der Entstehungszeit gemessen lässt sich der Missa Nigra allerdings einiges abgewinnen und mit dem Wissen um den Kalten Krieg im Hinterkopf lässt sich inhaltlich auch so einiges erklären. Den Bezug auf unsere Gegenwart und die entsprechende Rechtfertigung eines solchen Werkes als Auftakt für ein Forum neuer Musik, der ist aber nur schwer zu erkennen. Die Vorträge vor dem Konzert versuchten pointiert die damals akute Gefahr der Neutronenbombe gleichzustellen mit unserer durch Terrorismus gezeichneten Gegenwart. Nur irgendwie will mir das nicht einleuchten. Irgendwie ist diese Erklärung genau wie die Inszenierung der Messe: einfach zu billig.


LK

#MissaNigra #FriedrichSchenker #Ensemble2021 #ForumneuerMusik

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