Plattform nicht dokumentierbarer Ereignisse

20:00 Uhr. Atelier Dürrenfeld/Geitel. Ute Völker. Udo Schindler.

Durch eine unscheinbare und ziemlich verwucherte Einfahrt gelangt man in den komplett bewachsenen Hinterhof der eigentlich unscheinbaren Hausnummer 71 in der Ehrenfelder Körnerstraße. Hier liegt das Atelier Dürrenfeld/Geitel. Verschiedene Häuser und Wohnungen – auch das Atelier selbst – sind vom Hof aus zu erreichen. Die Anwohner sitzen draußen, grillen und genießen ihren wunderbaren Garten bei dem warmen Wetter. Etwas unmotiviert ob des Anblicks der grillenden Nachbarschaft setzen wir uns trotzdem in das von der Sonne aufgeheizte Atelier. Die sog. Plattform nicht dokumentierbarer Ereignisse kann also beginnen. Anmoderiert wird das Improvisationskonzert von Carl Ludwig Hübsch, der im gleichen Atemzug darauf hinweist, dass es von Ute Völker am Akkordeon und Udo Schindler an der Klarinette auch eine CD zu erwerben gibt, auf der ähnliche Improvisationskonzepte zu hören sind. Eine Anmerkung, die mir im Rahmen der Nicht-Dokumentierbarkeit zuerst recht merkwürdig erscheint. Als ich dann aber daran denke, dass ich einen Text über das Konzert schreiben soll, revidiere ich diesen Gedanken schnell wieder. Die beiden Musiker beginnen also mit dem Konzert. Das Akkordeon hat hier anfangs eine ausschließlich begleitende Funktion, die Klarinette steht solistisch im Vordergrund. Gerade Hoffnung schöpfend, dass sich diese Dominanz nicht weiter durch den Abend zieht, bricht die Musik ab und nach kurzer aber intensiver Pause scheint ein neuer Abschnitt, eine Art neuer Satz, zu beginnen. Ein Teil, der deutlich umfassender vom Akkordeon bestimmt ist, nimmt seinen Lauf. Jetzt erst begreife ich das Konzept des Improvisationsabends. Jeder Gedanke, jede Idee soll kurz gedacht, ausformuliert und dann aber für sich stehen gelassen werden. Keine Fortspinnungen oder Entwicklungen bestimmen die Musik, sondern das Konkrete, die Klarheit der Aussage und des Moments. Die beiden Musiker verschwenden keine Energie mit ewig langen dramaturgisch durchdachten Ideen, sondern geben sich ganz der Situation und der Unmittelbarkeit des Augenblicks hin. Erwartet man nach den ersten Ideen eigentlich eine Durchführung der musikalischen Gedanken, geben sich Völker und Schindler schon mit dem frisch Erschaffenen zufrieden und schreiten lieber pragmatisch zum nächsten Einfall weiter, den sie ebenso jungfräulich präsentieren. Und so wird in den nächsten Teilen sehr schnell deutlich, dass Ute Völker am Akkordeon durchaus auch etwas zu sagen hat und durchaus nicht dominiert wird von der anfangs so intensiven Klarinette. Sehr umgänglich bleibt sie aber trotzdem. Nett ist es, wie sie meist erst zuhört, um dann entsprechend ihren Teil zum Ganzen beizutragen, an entsprechender Stelle sorgsam kommentiert. Durch diese Knappheit der "Sätze" oder besser "Gedanken" erschließt sich dem Zuhörer meistens relativ dankenswert, wie mit dem musikalischen Material umgegangen wird. So lässt sich, trotz der Nicht-Dokumentierbarkeit, meistens sehr wohl thematisches Material benennen. Etwa die immer wiederkehrenden Sekundseufzer, die motivisch unmittelbar und dann oktaviert wiederholt werden, bleiben im Gedächtnis. Durch sie scheint das großartig klingende Atelier im Klang der verschmolzenen Instrumente zu schweben. Der plötzliche Schluss des Konzertes ist in diesem Sinne leider nötig, denn ein Losreißen von der Synergie der beiden Instrumentalisten wäre wohl anders kaum möglich.

GB

#Improvisation #AtelierDürrenfeldGeitel #PlattformnichtdokumentierbarerEreignisse

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