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20:00 Uhr. ON Büro. Pascal Battus, Angelika Sheridan, Florian Zwißler.


Wir betreten die kleinen ON-Räumlichkeiten in der Alten Feuerwache. Der imposante Versammlungstisch liegt seitlich im Büro und schafft so freien Platz für etwa 20 Klappstühle, auf denen es sich die Gäste gemütlich machen. Wer keinen Stuhl mehr bekommt, der sitzt eben im Flur auf dem Sofa. Leider war ich früh genug da. Es dauert noch einige Minuten, bis der Improvisationsabend beginnen soll. Zeit, die gut gebraucht wird, denn an Instrumentarium gibt es einiges zu bewundern. Wie ein stählerner Amboss ist da zum Beispiel das Instrument von Pascal Battus auf eine Werkbank geschraubt. Sämtliche erdenkliche Materialien wie Styropor, Plastik und Holz liegen zusammengesammelt um das Gerät herum. Der tragbare Synthesizer von Florian Zwißler – vergangenen Freitag auch schon im King Georg zu hören – wirkt im Vergleich fast langweilig. Von den in der Mitte des Aufbaus platzierten analogen Flöten ganz zu schweigen. Dass diese Sorge unbegründet ist, sollten die folgenden, in insgesamt drei Sets organisierten, 70 Minuten Musik beweisen. Das erste – und längste – Set war gleichzeitig das vielseitigste, denn hier wurde man eingeführt in die Möglichkeiten des neu gebauten Instrumentes Rotating Surfaces von Pascal Battus. Die sog. Surfaces, also Oberflächen, sind tatsächlich nur Material zur Klangerzeugung, rotieren also gar nicht selbst. Viel eher ist es die selbstgebaute kleine und an ein Poliergerät erinnernde Maschine, auf der sich eine rotierende Scheibe befindet, die jedes mit ihr in Kontakt kommende Material in Schwingung versetzt. Kontakte mit Stoffen wie Styropor, Plastik und Holz werden hier zur musikalischen Grundlage. Elektromagnetische Schwingungswandler bzw. Tonabnehmer verstärken diese Kontaktgeräusche dann und machen sie als Klang der Umgebung zugänglich. So entstehen, auch in Kombination mit dem Synthesizer, sehr fruchtbare Nährböden, auf denen sich Angelika Sheridan mit ihrer Bassflöte ausbreiten kann. Schwallartige Klangflächen türmen sich zu riesigen Bergen auf, um schließlich doch resigniert zusammenzubrechen. Alles was an diesen Stellen bleibt, ist das Rauschen der Verstärker – oder vielleicht doch des Synthesizers –, das wiederum zur Spielwiese für die Flötistin wird. Nachdem sich das leise Rauschen etabliert, zeigt Sheridan durch auf eben diesem Rauschen aufbauenden Terzen und Quinten, dass auch scheinbare Störgeräusche, zumindest nach der Vorausgegangenen Ekstase, missverstanden werden können und sich durchaus doch als tonangebendes Material eignen. Das zweite Set fällt knapper aus. Alles wirkt komprimierter und direkter. Die Bassflöte weicht der Altflöte und die Materialien bei Battus beschränken sich auf ein Minimum. Der bis jetzt eher im Hintergrund aktive Synthesizer tritt hier in den Vordergrund und spielt ein perkussives Duett mit den ihm klanglich so nahestehenden Rotating Surfaces. Von dieser angenehm kammermusikalischen Verzahnung wohl gestört, fällt das Trio plötzlich auf die Stimmung des ersten Sets zurück und entwickelt den einstigen Höhepunkt von dort in wenigen Sekunden weiter zu einer Klangwand, vor die man als Zuhörer – alleine schon wegen der Lautstärke – nur hilflos laufen kann. Dass diese an der Schmerzgrenze kratzende Lautstärke tatsächlich aber nötig ist, um den Improvisationsabend abzurunden, zeigt das dritte Set. Hier ist man frei von den bestimmenden Einflüssen des Vergangenen und in angenehmer Ruhe kann sich diese Coda zu einem durchweg angenehmen Abschluss entwickeln. Obwohl der Abend in sich stimmig und durchweg musikalisch durchdacht war, bleiben, das neue Instrument betreffend, doch Zweifel. So scheinen die musikalischen Möglichkeiten relativ beschränkt, bedenkt man, dass es nicht möglich ist, in kurzer Zeit definierte Tonhöhen zu erzeugen. Der Klang wird durch Berührung ausgelöst und ist dann in eben dieser gefangen. Dadurch verbleibt das Instrument im Zwiespalt zwischen einem rein perkussiven Einsatz auf der einen und einem Einsatz als Klangflächengeber auf der anderen Seite. Eine Einschränkung, mit der gleichzeitig eine ungeheure Dominanz einhergeht. Die Mitspieler müssen stets auf die beschränkten Möglichkeiten reagieren und spielen hörbar in dem Wissen, dass nicht alle musikalischen Gedanken, die sie selbst in die Improvisation einbringen möchten, von den Rotating Surfaces aufgenommen und umgesetzt werden können. GB

#Improvisation #RotatingSurfaces #Synthesizer #Zwißler #Sheridan #Battus

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