IMPAKT KG #2: REDAKTION HEINZ LIESENDAHL

21:00 Uhr. King Georg. Omelchuk, Zwißler, Polscher.

„Ist noch nicht auf? Wir haben doch schon 21:00 Uhr.“ „Doch, man muss klingeln!“ Warum vergesse ich jedes Mal, dass man beim King Georg läuten muss, um reingelassen zu werden? Vielleicht weil eine simple – in kleiner Terz schillernde – Klingel doch eher selten ist für eine Kneipe am Kölner Ebertplatz.

An der Bar sitzend genehmige ich mir das erste Kölsch und beäuge die zahlreichen elektrischen Orgeln und Synthesizer, die auf der Tanzfläche aufgebaut sind. Sie sollen von Oxana Omelchuk und Florian Zwißler bedient werden. Mark Polscher wird als Gast bei der abendfüllenden Improvisationssession sowohl Synthesizer als auch E-Gitarre spielen. Für drei Musiker hergerichtet, wirkt der Instrumentalaufbau inmitten der halbrunden, rot beleuchteten Tanzfläche ein wenig futuristisch, vielleicht wie das Cockpit eines außerirdischen Raumschiffs. Das Bild scheint mir erst passend, wirkt dann aber doch irgendwie absurd, bedenkt man, dass sämtliches Instrumentarium auch in den 70er und 80er Jahren schon existierte und eigentlich zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erfuhr. Die drei Musiker betreten die provisorische Bühne und beginnen mit der Improvisation.

Im Publikum sitzen nicht nur die üblichen Gesichter. Auch interessierte Stammgäste treffen sich in der Kneipe, um über Gott und die Welt zu diskutieren. Die geschmeidigen Klänge der 80er Jahre Synthesizer können diese Unterhaltungen nicht im Ansatz unterbinden. Dennoch ist die Musik laut genug, um jedes Gespräch – wenn es nicht gerade neben einem selbst stattfindet – unhörbar zu machen. Und so kann man sich einlassen auf die dichten Klangexperimente, die sich zwischen experimenteller Elektronik und melodisch harmonischem Rock bewegen. Musikalisch funktioniert die Improvisation in mehreren Teilen, die – mit Ausnahme des Schlusses – sehr dicht gebaut sind, mit musikalischem Inhalt aber dennoch nicht überladen werden. Viel eher bewegt man sich durch das Dickicht eines Klangwaldes, der, nur von wenigen wirklich prägnanten, dann thematisch wirkenden Ereignissen durchsetzt, wie mit der Machete gelichtet wirkt. Unvermittelt von Omelchuk eingeworfene melodische Linien wirken so wunderbar sanft und zufrieden, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis man vollends in die Tonalität abdriftet. Dass dies aber nicht passiert, ist ein Verdienst der großartig ineinandergreifenden kammermusikalischen Verbindung des Trios und so gelingt es den Musikern permanent, sich gegenseitig vor der nostalgischen Schwärmerei der analogen 80er zu retten. Exponierte Themen der Synthesizer werden durchbrochen von Rückkopplungen der Gitarre und an Pink Floyd erinnernde Soli der Gitarre werden gerettet durch virtuoses Wissen über elektronische Klänge und Möglichkeiten der analogen Synthesizer-Technik, deren Meister eben diese Situationen im eigenen Sinne zu nutzen wissen.

Tatsächlich sind es genau solch unvermittelte Momente, die das Konzert so hörenswert machten. Die lockere Atmosphäre der Kneipe trägt ihr Übriges zum Erfolg des Abends bei. Die immer wieder in kleiner Terz schellende Klingel erinnert daran, dass Musik auch außerhalb etablierter Konzerträume gut funktionieren kann und dass man nicht immer alles ernster nehmen muss, als es im Endeffekt vielleicht sogar gemeint ist.

GB

#Improvisation #Synthesizer #Omelchuk #Zwißler #Polscher #KingGeorg

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