Kurtágs Kafka-Fragmente szenisch interpretiert

20:00 Uhr. Alte Feuerwache. Abschluss Master Interpretation Neue Musik Anna Neubert.


„Einmal brach ich mir das Bein. Es war das schönste Erlebnis in meinem Leben.“ So heißt es in einer der etlichen erhaltenen und am Konzertabend zitierten Schriften Kafkas. Ähnlich bizarr, beinahe surreal, wirkte das szenische Konzert Kafka-Fragmente, das die Geigerin Anna Neubert am Abend ihrer Abschlussperformance zum Studiengang Interpretation Neue Musik in der Alten Feuerwache präsentierte. Zusammen mit Marie Heeschen als Sänger- bzw. Sprecherin und der Dramaturgin Malin Nagel, entwarf sie das Konzept für diese, bis auf die nachträglich aufgebauten Reserveplätze restlos ausverkaufte, Musikperformance. Musikalische Grundlage war Musik von György Kurtág. Mittels Improvisation und Performance sollte ein Zugang zur Musik des 1926 geborenen Rumänen geschaffen werden. Es fällt kaum auf, dass bereits zum Einlass des wartenden Publikums die beiden Protagonistinnen auf der Bühne an einem kleinen Tisch sitzen. Lediglich von einer kleinen an der Decke hängenden Glühlampe beleuchtet, falten sie hoch konzentriert kleine Schiffe aus Papier oder untersuchen Streichholzschachteln. Elemente, die uns später wieder begegnen sollen. Auf der anderen Seite der Bühne steht eine Leinwand mit einem Diaprojektor. Auf einem weiteren Tisch davor liegt eine zweite Violine. Es braucht eine unnatürlich lange Weile, bis diese Szenerie aufgebrochen wird, Anna Neubert zur Geige greift und die Theaterstimmung hin zu einer lang ersehnten Konzertatmosphäre wechselt. Erst ist es kaum wahrnehmbar, tastsächlich sind aber bereits bei den ersten Tönen des Abends beide Musikerinnen aktiv – so eindrucksvoll gut mischen sich die beiden Klangkörper von der ersten Sekunde an. Pizzicati verbinden sich mit den hellen Klangspitzen der Sängerin, orchestral virtuoses Violinspiel paart sich mit der raumfüllenden Wirkung der Stimme. Klein, fast winzig kommen die Stücke daher. Dennoch verliert nichts an Vielseitigkeit oder Inspiration. Auf ein Minimum an Material reduziert aber dennoch bei Weitem nicht minimalistisch. Auf das Nötigste heruntergebrochen aber dennoch nicht arm an Musikalität. Die musikalischen Fragmente bilden ab, was in den Textfragmenten gedeutet wird. Die musikalische Deutung wird dabei untermalt von der performativen Arbeit der Musikerinnen, die einen ungewohnten aber dennoch äußerst effektiven Zugang zur Musik Kafkas bieten kann. Momente der Improvisation unterstützen diesen Effekt.

Lediglich vereinzelte Augenblicke entstehen, die etwa mit Methoden der Stille arbeiten und sich deshalb, bezogen auf den Anfang, wiederholen und daher leicht abgenutzt wirken. Nichts desto trotz sind diese Momente verschwindend selten und tun der Tatsache keinen Abbruch, dass durch das innovative Konzept der Künstlerinnen die Kafka Fragmente tatsächlich ganz neu entdeckt werden können und man auf eine Fortführung der Arbeit hoffen sollte.


GB

#Kafka #Fragmente #Kurtág #Neubert #Feuerwache #Improvisation #Performance

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