Der ertrunkene Riese

20:00 Uhr. Orangerie am Volksgarten.



Das Publikum vom Regen pünktlich um 20:00 Uhr in der Kölner Orangerie am Volksgarten angespült und kaum richtig getrocknet, muss es wohl Ironie des Schicksals gewesen sein, dass die Parabel Der ertrunkene Riese von J. G. Ballard uns gleich zurückschickt an einen nassen Strand am Rande einer großen Stadt. Martin Haussmann zeichnet eben diese Szenerie mittels zweier Tageslichtprojektoren an eine Leinwand am Ende des kleinen Saals. Glasplatten dienen dabei als Untergrund und Wasserfarben sorgen dafür, dass alles recht verwässert, dafür aber wunderbar fantasievoll wirkt. Blau gefärbtes Wasser in einem Glasgefäß sorgt durch leichte Bewegung für einen hübschen Welleneffekt auf dem Bild. Durch die zerfließenden Aquarelle kann sich jeder seine ganz eigene Vorstellung von der folgenden Geschichte machen. Von Daniel Speer am Kontrabass gespielte, durchweg tonale, Harmonien bilden die Grundlage für die kleine Einleitung, die die Sprecherin bzw. Schauspielerin Sandra Klaas – im Publikum stehend – vorträgt. Es wurde ein toter Riese am Strand einer Stadt gefunden. Die Nachricht spricht sich schnell herum und so strömen die Städter in Scharen Richtung Strand. Der entsprechend laute Ausruf dieser Nachricht in Richtung des Publikums und das Gleichzeitige Entfernen der Bühnenabsperrung im Saal der Orangerie sorgten, wenn auch verzögert, dafür, dass Teile der Zuschauer sich tatsächlich auf der Bühne verteilten und der Inszenierung – nun als ein kleiner Teil derer – weiter zusahen. Musikalisch beginnt nun ein zweiter Teil, in dem das Saxophon (Marc Müller) mittels modal tonalen Elementen Skalen erklimmt und somit die Erzählung der Sprecherin untermalt. Dabei vom Kontrabass begleitet kann man förmlich hören, wie die neugierigen Großstädter beginnen, den Riesen zu besteigen, ihn zu erkunden und sich an gewissen Stellen auch vor ihm zu ekeln. Etwa 200 Menschen finden auf einem seiner Arme Platz und niemand kann so recht glauben, dass das Wesen keines ist, das den Tiefen des Ozeans entsprang und versehentlich hier angespült wurde. Dennoch ist dieser Tote ein gewaltiges Event für die Menschen, die die Andersartigkeit des Ertrunkenen förmlich zelebrieren. Sie sind erstaunt über die großen Hände und versuchen die Handflächen nach bekannten Linien zu durchforsten. Der riesige Handabdruck von Sandra Klaas wird nun auf der Leinwand beinahe wissenschaftlich analysiert. Mittels eines zweiten Projektors werden zur Abmessung der Ausmaße rote Linien auf das sonst eher monoton schwarze Projektionsschauspiel an der Wand geworfen. Wie bei allem organischen Leben setzt nun auch beim ertrunkenen Riesen der natürliche Zerfall ein. Er beginnt zu verwesen. Mit dem Zerfall verringert sich auch das Interesse der Menge an dem Phänomen und die Leute werden weniger. Lediglich einige Rudimente der touristischen Besucher sind zurückgeblieben. So hat einer der Schaulustigen eine selbstgebaute Sandburg auf dem Brustbein des Riesen hinterlassen. Dass quasi zeitgleich mit dem abfallenden Interesse der Städter ein Drum-Computer gestartet wird, der extrem banale Beats als musikalische Begleitung anbietet, kann entweder als zynischer Kommentar oder als unmissverständliche Kritik an der Sensationslust der Leute verstanden werden. Was genau dieser plötzliche Einschub aber bedeuten soll, das erfahren wir Zuschauer nicht. Die Erzählerin erkundet nun selbst den Riesen, beschreibt seine Arme, seine hängenden Gesichtszüge und wandert schließlich ganz auf dem Körper des Geschöpfes entlang. Sie bewegt sich auf der Bühne in stets wechselnder Szenerie, denn quasi pausenlos wird das Bühnenbild von Martin Haussmann weiterentwickelt und der Geschichte angepasst. Plötzlich bemerkt sie, dass dem Wesen eine Hand fehlt. Diese musste jemand abgetrennt haben, denn auf natürlichem Wege kann sie unmöglich verschwunden sein. Die Schauspielerin entdeckt Kräne und Seilzüge und bemerkt, dass offenbar bereits Aufräumarbeiten am Strand begonnen haben und der Riese Stück für Stück zerlegt wird. In einer dahintrottenden Musik wird beschrieben, wie sehr der Vorfall mittlerweile zur Routine verkommen ist und wie sehr doch das einstige Event in die alltägliche Langeweile abdriftet, eine Routine aus der man wenigstens noch versucht das Beste zu machen. Und so sehen wir auf der Leinwand, wie der Riese stückweise zersägt wird. Wir erfahren, dass man aus seinen Rippen Torbögen herstellt und aus seinem Fett Tran kocht. Mit fast schmerzhaft nach Auflösung strebenden Sekundvorhalten untermalt das Saxophon dieses, durchaus Gefühle von Ekel evozierende, Ereignis, bevor der Kontrabass mit ähnlichen bizarr harmonischen Elementen des Anfangs nun das Ende einzuläuten scheint. Auf der Leinwand sehen wir dann einige Umrisse, die, durch das nun vorhandene Wissen des Publikums über abgetrennte Körperteile, mit großer Sicherheit als Kopf verstanden werden wollen. Durch das Zuschütten von Wasser auf die Projektionsplatten auf den Projektoren wird die Zeichnung mehr und mehr verwässert. Sie wird verwischt und ist schließlich im stets von Haussmann in Bewegung gehaltenen Wasserbehältnis verschwunden. Alles was bleibt, ist das Bild des Strandes, an dem sich die kleinen Wellen des Anfangs brechen.


GB

#ertrunken #Riese #Orangerie #Volksgarten #Müller #Speer #Haussmann #Klaas #Projektionen

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

Kunst und Corona - eine Utopie

Vielleicht ist man aber allein aufgrund der enormen Auswirkungen auf jeden Künstler und auf jede Künstlerin nun bereit, tatsächlich umzudenk

Kunst und Corona - eine Dystopie

Es bleibt also zu hoffen, dass schnellstmöglich Förder- und Rettungsmechanismen geschaffen werden, die sich an der Künstler-Realität orienti

Regelmäßig neue Texte?

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
 Ältere Artikel: