Format Blackbox

20:00 Uhr. Freies Werkstatttheater Köln. Sergej Maingardt.


Foto: MEYER ORIGINALS


Ich warte in der Empfangshalle des freien Werkstatttheaters Köln. Auch dieses Jahr wird das Ensemble Garage hier das Musiktheater Blackbox von Sergej Maingardt aufführen. Etwas zu früh dort, nutze ich die Zeit, um mit Hilfe der Kalender-App meines Telefons die Termine für die kommende Woche zu planen. Plötzlich erklingt aus dem Keller des Theaters eine Art verhallendes Sonargeräusch, das auf den Beginn der Inszenierung hinweisen soll. Diese findet tatsächlich auch dort unten statt. Ich muss leicht schmunzeln, denn wie ich dort so sitze und meine digitalen Termine checke, erinnere ich mich an die Thematik des Stücks, das bereits im letzten Jahr hier aufgeführt wurde. Zusammen mit den anderen Besuchern gehe ich schließlich die Treppe hinunter in Richtung des Raumes, aus dem die Geräusche kommen.

Beim Eintritt in den Saal werden wir begrüßt als beträten wir ein Flugzeug. Karin Kettling steht als Stewardess am Eingang und begrüßt die Besucher freundlich. Der Kellerraum ist in zwei gleichgroße Teile aufgeteilt, die voneinander durch eine verschiebbare Leinwand in der Mitte getrennt werden können. Die Stühle sind in sich gegenüberstehenden Viererreihen mit kleinem Mittelgang positioniert, also quasi an der Leinwand in der Mitte gespiegelt. Die engen Sitzreihen ragen jeweils tief in den Raum hinein. Kontrabass, Bratsche, Saxophon und Flöte sind mittig platziert. Schlagzeug und Keyboard befinden sich samt Technik jeweils hinter dem Publikum am Raumende. Begleitet von dem ständigen Sonargeräusch werden die Plätze eingenommen. „Boarding completet“ wird durchgesagt und das Stück beginnt mit einer Art Klangfraktal, das sich aus Sonar- und Funkgeräuschen zusammensetzt. Im Zeitraffer bewegen sich kleine Flugzeuge wie winzige Ameisen auf dem Radar in der Raummitte.

Nach dieser kleinen Ouvertüre lernen wir Chris (Kai Hufnagel – „The Raft - Das Floß“) kennen. Er sitzt in unserer Hälfte des imaginierten Flugzeugs und ist offenbar auf dem Weg, seine Mutter zu besuchen. Irgendjemand oder irgendetwas scheint ihn zu verfolgen, denn er erzählt von getauschten SIM-Karten, gefälschten Pässen und falschen Namen. Seine Sorge ist nicht ganz unbegründet. Auf der Leinwand hinter ihm sehen wir das anfangs rein musikalische Fraktal nun abgebildet. Es hat die Form einer Art Datenbank angenommen und scheint die Fluggäste auf verdächtige Aktivitäten hin zu untersuchen. Vorerst ist niemand als Gefährdung eingestuft.

Nun betritt eine Frau die Szenerie, die offenbar eine Art Wissenschaftlerin ist. Sie befindet sich gegenüber der Leinwand und ist somit aus dem Raumteil von Chris nur mittels Videoprojektion zu sehen. Ihre aktuellen Forschungen drehen sich um einen Computerchip, der Menschen implantiert werden könnte, um so medizinische Anwendung zu finden. Die eventuellen Folgen – auch Gefahren durch Missbrauch – ihrer Arbeit sind ihr durchaus bewusst. Aber warum die Wissenschaft behindern, nur weil Ergebnisse von einigen vielleicht anderweitig genutzt werden könnte? Durch ihren plakativ digitalisierten Klang lässt die Musik hier erahnen, was beiden Akteuren bevorsteht. Man hört verzerrte Störgeräusche, die geschickt zu musikalischen Formeln verbunden werden, digitale Empfangsgeräusche und beinahe fiktionale Klänge, die zwar im Moment durchweg geplant daherkommen, sich aber einer gewissen Kontingenz nicht vollends entziehen können.

Ein dritter Akteur betritt die Bühne und die Leinwand wird geöffnet. Beide Publikumshälften werden nun von einer Art Makler angesprochen. Er präsentiert AdamA, eine künstliche Intelligenz, die Geldanlagen für ihre Besitzer tätigt. Das Programm kauft in Sekundenschnelle Wertpapiere und kann automatisiert auf unterschiedlichste Situationen des Alltags reagieren und vor allem aber an der Börse wetten. So ist es möglich, ohne selbst über größeres Wissen zu verfügen, selbst aus Katastrophen und Unfällen noch Kapital zu schlagen und entsprechend von diesen zu profitieren wenn man auf sie setzt. Was wäre, könnte man AdamA mit der Chip-Technologie der Wissenschaftlerin verbinden? Könnte man nicht durch die globale Vernetzung jedes einzelnen Menschen sämtliche Möglichkeiten vorausberechnen und durch Ausschluss des Unwahrscheinlichen zur Wahrscheinlichkeit gelangen? Könnte man nicht den Menschen an sich als Teil des Systems begreifen und ihn somit eingliedern in ein globales Netzwerk von Überwachung und Berechenbarkeit?

Die Musik scheint plötzlich völlig zu entgleiten. Keine fraktalartigen Gestalten mehr und auch keine digitale Utopie. Selbst die eigentlich akustischen Instrumente des Ensemble Garage weichen einem Stück Aluminiumfolie, das durch den Atem der Musiker in Schwingung versetzt wird und lediglich ein Rauschen als Idee von Klang übriglässt. Die Musik verliert sich. Die beiden Protagonisten tun es ihr gleich. Ihre auf die Leinwand projizierten Gesichter starren sich an, scheinen sich plötzlich so nah wie nie zuvor. In Wirklichkeit blicken sie – durch die gespiegelte Bühnensituation – aber voneinander fort und könnten sich somit in dieser vermeintlichen Nähe ferner kaum sein. Verschiedene Sinusschwingungen deuten an, dass die Fülle an Möglichkeit, die Utopie der digitalen Vereinfachung alle Beteiligten in eine erdrückende Leere geführt hat. Es klingt ein Vakuum aus dem es kein Entrinnen gibt, da es nicht einmal aktiv wahrgenommen wird.

Die Wissenschaftlerin ist irritiert darüber, dass ihr AdamA – bereits Teil ihrer Erfindung – die Empfehlung ausspricht, gegen die Fluggesellschaft zu spekulieren, in deren Flugzeug sie sich gerade befindet. Was weiß die künstliche Intelligenz, die Maschine, was die Fluggäste noch nicht wissen, was die vermeintliche Besitzerin der Erfindung noch nicht weiß? Warum wird der Börsenkurs der Airline fallen und betrifft das vielleicht dafür verantwortliche Unglück den Flug in dem die Erfinderin selbst sitzt? Das musikalische Ende wirkt, verglichen mit der Gewalt des Anfangs, derart Kafkaesk, dass es nicht weit hergeholt scheint, die Vermutung anzustellen, dass es um den „Bongair“-Flug nicht allzu gut bestellt ist. Und so endet das Cyber-Märchen in einer schwarzen, klanglosen Leere. Auf eine Auflösung dieser schrecklichen Spannung hoffen die Zuhörer aber vergebens.


Felix Knoblauch


#Maingardt #Garage #Blackbox #künstlicheIntelligenz #digitaleÜberwachung

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