Musik der Zeit [5]: Scanners

18:00 Uhr. Funkhaus Wallrafplatz.

Innovative Konzertkonzepte und eine musikalisch extrem breite Aufstellung zeichnen das Ensemble Resonanz aus. Verschiedenste Vermittlungsprojekte zwischen musikalischer Vergangenheit und Gegenwart führten das Ensemble 2017 als Residenzensemble in die neue Elbphilharmonie. Angefangen bei Klassikern des Barock und endend bei – naja fast Rockmusik der Gegenwart – ist im Programm alles vertreten.

Ob die Patterns in Bryce Dessners Aheym (2012) nun minimalistisch sind oder ob sie vom Indie-Rock der amerikanischen Band „The National“ beeinflusst sind, deren Gitarrist Dessner ist, spielt bei dem verstärkten Streichquartett wohl kaum eine Rolle. Viel eindringlicher gibt sich die Struktur der Komposition. Diese scheint sich nämlich – wenigstens die Tonalität betreffend – von der Einleitung des Werkes zu nähren. Einem harmonischen Raster folgend, verfangen sich die anfangs präsentierten tonalen Schläge mehr und mehr in einem virtuosen Skalengeflecht, das das Quartett durchaus ins Schwitzen bringt. Hinter dieser eher ausladenden Virtuosität verbirgt sich aber doch mehr als reine Show. Das Spektakel mündet in einem schwebend melodiösen, dem Stück kaum zugehörig scheinenden, Einschub, der den Titel „heim“ des Werkes erklären könnte. Einer fugenähnlichen „Flucht“ folgend, landen wir plötzlich an einem warmen und vertraut scheinenden Ort. Alle Aggressivität, alles Forteilende scheint hinter uns zu liegen. Man kommt endlich an und möchte vielleicht sogar bleiben. Im Großen und Ganzen ein prächtiger Auftakt für ein Konzert, das sich zwar der neuen Musik verpflichtet sieht, sich aber mit dem Versuch, die traditionelle Besetzungsform Streichquartett zu erweitern, eher in einem durchweg veralteten Rahmen bewegt. Von dem Konzertort – dem Funkhaus am Wallrafplatz – ganz zu schweigen. Dennoch bleibt das Konzert viel mehr als ein fader Aufguss. Dass die klassische Quartett-Besetzung auseinandergenommen, aufgebrochen und überdacht werden muss, führt uns Wolfgang Mitterer mit rasch (2012) durch perkussive und elektronische Ergänzungen ausdrücklich vor. Das Aufbrechen von Tradiertem wird von Mitterer tatsächlich wörtlich genommen, betrachtet man das aufwendig hergerichtete Set-Up, das Dirk Rothbrust – Schlagzeuger der MusikFabrik – für das Stück aufgebaut hat. Aufgebrochene und an Fußmaschinen montierte Geigen finden ihr Ende als improvisierte Hi-Hat und ein auf dem Rücken liegender Kontrabass dient als Angriffsfläche für verschiedenste Attacken des Schlagzeugers. So bizarr sich das auch anhören mag, musikalisch ergeben sich durchweg interessante kammermusikalische Effekte. So scheint das „Geigen“-Schlagzeug die natürliche Evolution der von den Streichern vorgegebenen Klängen zu sein und die beschränkten perkussiven Möglichkeiten der Streichinstrumente gebührend zu erweitern und fortzuführen.

Mit „Fortführung“ könnte auch Fletch (2012) der Britin Rebecca Saunders überschrieben sein. Hier entwickelt die Komponistin aus kleinsten glissando-artigen Elementen ein ganzes Streichquartett. Ein Werk, das sich zwar anfangs recht träge präsentiert, gegen Ende aber eine ganz eigene Spannung entfaltet, der man gerne noch länger gefolgt hätte. Dieser Effekt entsteht wohl auch, weil Fletch das einzige Werk des Abends ist, das ohne Verstärkung gespielt wird und so im Vergleich zu den vorangegangenen Stücken doch eher nackt und karg wirkt.

Unbestreitbarer Höhepunkt des Konzertabends war Alexander Schuberts 2016 neu überarbeitetes Werk scanners. Die mit Abstand zueinander, in einer Reihe auf der Bühne platzierten Musiker, sind anfangs nicht zu sehen. Der Saal ist komplett abgedunkelt. Es erklingen Geräusche, die verdächtig an Scanner erinnern. Quasi zeitgleich werden einzelne Musiker mit von der Decke fallenden Lichtkegeln ins Halb-Sichtbare gerückt. Nicht immer ist es klar, ob der jeweils sichtbare Musiker nun tatsächlich selbst spielt oder ob es die Scanner-Geräusche sind, die die Bewegung auf der Bühne nutzen, um sich von dort kommend zu verkaufen. Mittels des Lichts werden die Musiker an- und wieder ausgeschaltet. Sie bewegen sich im Einklang mit den Scannergeräuschen, werden vom Licht scheinbar selbst gescannt und sind immer nur für Bruchteile von Sekunden im kurz aufleuchtenden Lichtkegel sichtbar. Flüssige Bewegungen sind selten. Wir sehen keine Menschen mehr auf der Bühne, wir sehen Maschinen die sich der anfangs erklungenen Maschine selbst unterworfen haben. Ein außermusikalischer Diskurs, der durch die audiovisuelle Komposition von Alexander Schubert wieder in Erinnerung gerufen wird.


GB

#Schubert #Funkhaus #Resonanz #Scanners #BryceDessner

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